easy website maker


Bonus-Szenen aus der Welt Karapaks

C.Svartbeck, Juli 2017

Diese Bonusszenen entstanden während meiner Erforschung der Geschichte Karapaks. Zu gegebener Zeit werde ich daraus komplette Kurzgeschichten machen und diese dann auch veröffentlichen.

Der Schamane

In jener fernen Zeit, in der die Wüstenstämme noch keine Wüstenstämme waren, in der ihre Herden so zahlreich waren wie die Menschen in ihren Zelten, und in der sie mehrere Schamanen hatten, zwei oder drei in jedem der Stämme. Schamanen, die Zauberer waren, auch wenn sie sich nicht so nannten, die aber im Gegensatz zu den Zauberern die Spiegel verschmähten und ihre Nutzung ablehnten. Diese Frauen und Männer lenkten das Geschick der Stämme, bis zu einem verhängnisvollen Zusammentreffen.

*
„So habe ich also doch einen von euch aus seinem Loch gelockt.” Mit einem spöttischen Lächeln musterte der Zauberer seinen Gegner. Fast spielerisch senkte er den Spiegel auf den Kopf des Kindes. Kaum dass er den Scheitel des Mädchens berührte, sog der Spiegel es in sich hinein. Der Schamane fühlte, wie sich sein Herzschlag verdoppelte. Diese Arroganz, mit der die Zauberer mit Menschenleben spielten … Die Augen des verschwundenen Mädchens schienen ihn immer noch um Hilfe anzuflehen. Die Kinder seines Volkes …
Der Schamame überlegte nicht länger. In aufschäumender Wut griff er zu, warf einen Zauber gegen seinen Gegner. Der Zauber versank wirkungslos im Spiegel. Der Schamane versuchte es auf Umwegen. Er rief den Sand, unter den Füßen seines Gegners nachzugeben, er rief das Gras, ihn zu umschlingen und ihn bewegungsunfähig zu machen, er rief den Wind, ihm den Umhang vor das Gesicht zu pressen und ihm die Sicht zu nehmen. 
Der Sand hätte es beinahe geschafft. Aber nur beinahe. Den Rest seiner Angriffe wehrte der Zauberer ohne langes Nachdenken ab. Und dann kam er näher. Der Schamane begriff, dass er verloren hatte. Ein bitterer Geschmack war in seinem Mund. Seine Seele würde den Spiegel stärken, den Zauber unterstützen, der sein eigenes Volk vernichten sollte. Fieberhaft überlegte er, suchte nach einem letzten Ausweg. Der Spiegel war nur noch wenige Handbreit vor ihm.
Der Schamane sprang. Tauchte unter der Hand mit dem Spiegel hinweg und packte den anderen an der Hüfte, warf ihn zu Boden, hielt ihn mit aller Kraft fest. Wenn der Zauberer jetzt seine Seele in den Spiegel zog, würde er sich selbst mit hineinziehen. Er bog den Kopf zurück, sah, wie das Begreifen in der Augen des Zauberers aufflackerte. Dann setzte sein Gegner den Spiegel konventionell ein, entnahm ihm Kraft, um den Schamanen zu bezwingen. Der Schamane verspürte finstere Genugtuung. Offenbar hatten die Zauberer vergessen, wie man ohne Spiegel zauberte. Bei direktem Körperkontakt war jede, wirklich jede Kraftquelle für beide zugänglich. Auch der Schamane bediente sich der Kraft des Spiegels. Er konnte förmlich spüren, wie diese Kraft hinausfloss, sich gegen sich selbst richtete, im Nichts zerstob. Kurz streiften seine Gedanken die Seele des Mädchens, er spürte, wie groß ihre Angst davor war, ein Windgeist zu werden, und einen kurzen Funken von Dankbarkeit, als er auch sie zergehen ließ. 
Und dann war der Spiegel verbraucht, aufgelöst. Der Schamane starrte immer noch in das Gesicht seines Gegners. Ein Gesicht, das jung aussah, auch wenn der Zauberer bereits einige Menschenleben messen mochte. Ein Gesicht, das sich zu einem breiten Grinsen verzog, als der Zauberer das bemerkte, was der Schamane bereits wusste. 
Die Hände, die den Zauberer hielten, waren alt und schwach. Der Körper, der auf ihm lag, hager und gebrechlich.
Der Zweikampf hatte nicht nur den Spiegel verbraucht, sondern auch den Körper des Schamanen. Schamanen zauberten nun einmal aus eigener Lebenskraft. 
Der Zauberer packte die Handgelenke des Schamanen, drückte ihn zurück. „Das war’s, alter Mann. Du bist verbraucht. Ich glaube, es würde sich nicht einmal mehr lohnen, dich zu einem Spiegel zu machen.”
Er drückte fester. Der Schamane spürte Knochen brechen. Der Zauberer stand auf, trat ihm gegen die Rippen. Erneut brachen Knochen.
Etliche Tritte später hielt der Zauberer inne und sah auf sein Opfer herab. „Ein nutzloses Gerippe”, sagte er verächtlich. „In dem Zustand lebst du nur noch wenige Kerzen. Und dann kanst du als Windgeist zusehen, was wir mit deinen Leuten machen.”
Der Schamane erschauderte. Das hatte er über dem Kampf vollkommen vergessen. Sein Volk … Was immer auch die Zauberer mit ihm vorhatten, es würde bald geschehen. Und es würde schrecklich sein. Und niemand war da, der sie warnen konnte.
Niemand außer ihm. Er musste etwas tun. Irgendetwas. 
Blindling griff er mit den Resten seiner Magie hinaus, griff nach dem Zauberer, der damit überhaupt nicht mehr gerechnet hatte, und packte sein Herz, drückte es zusammen. Der Zauberer brach über dem Schamanen in die Knie. Noch ein wenig …
Der Schamane hielt inne. Ja, er konnte seinen Gegner jetzt töten, aber er selbst würde trotzdem sterben, so verletzt, wie er war, und dann war immer noch niemand da, der sein Volk warnen konnte. Er sah auf den schwankenden Körper, der über ihm aufragte. Es musste eine andere Möglichkeit geben. Und wenn er …
Er probierte es einfach. Hob seinen höllisch schmerzenden, gebrochenen Arm weit genug, dass er den Körper des Zauberers berühren konnte. Und dann schickte er seine Seele seiner Magie hinterher.

Die Seele des Zauberers wehrte sich vehement, als ein Fremder plötzlich ihren Körper beanspruchte. Der Zauberer war jung und stark. Einen Moment sah es so aus, als ob seine Seele diesen Kampf gewinnen würde. Doch auch wenn der Körper des Schamanen der eines Greises war, so war doch seine Seele ebenfalls noch jung. Und was ihr an Kraft fehlte, verlieh ihr der verzweifelte Wunsch, ein ganzes Volk zu retten. Der Schamane gewann die Oberhand.
Gerade wollte er die Restseele seines Gegners aus dem Körper stoßen, da hielt er inne. Der andere hatte Informationen, die er brauchte. Der Schamane begann, die Seele des Zauberer Stück für Stück zu zerpflücken und ihre Erinnerungen sich selbst einzuverleiben.
Es funktionierte. Die Teile der fremden Seele verschmolzen mit seiner. Einen flüchtigen Moment begriff er, dass er selbst dadurch ebenfalls verändert wurde, aber das war nicht so wichtig. Wichtiger waren die Informationen, die er nun dem Geist des anderen entnehmen konnte. Erinnerungen, die ihm jetzt so zugänglich waren, als wären es seine eigenen.
Er fand, was er suchte, und stöhnte entsetzt auf.
Heute noch!
Heute Abend noch!
Die Vernichtung seines Volkes stand unmittelbar bevor!

Der Schamane rannte. In diesem einen Moment in seinem Leben verfluchte er die Tatsache, dass er keinen Spiegel hatte, nur auf die Kraft seines eigenen Körpers angewiesen war. Ein Körper, der jetzt jünger war, aber immer noch ein normaler, nur begrenzt leistungsfähiger menschlicher Körper. Der Schamane rannte, bis ihm die Beine den Dienst versagten und er stürzte. Sobald es ihm möglich war, rappelte er sich wieder auf, lief taumelnd weiter, dieses Mal deutlich langsamer, aber er lief. In der Ferne zeichneten sich vor dem nächtlichen Himmel die Berge ab, schwarze Schatten vor den Sternen. Er lief.
Und hielt inne, als sei er in eine Mauer gelaufen. Die Berge glühten auf. Ein düsteres, rötliches Licht schien über sie zu fließen. Der Schamane zitterte. Zu spät! Der Zauber wirkte bereits. Er starrte auf das Glühen, das stärker wurde, heller wurde, bis die Berge von innen heraus zu leuchten schienen. Dunkle Wolken schienen durch dieses Leuchten zu schwimmen. Ein hohes Sirren lag in der Luft. Es war, als ob die Berge vor Schmerz schrien.
Dann hellte sich der Horizont im Osten langsam auf, und das Leuchten der Berge erlosch.
Der Schamane bewegte sich wieder vorwärts, langsam, schleppend. Nur zu gut wusste er, was er finden würde. Der Zauber hatte sein Volk gefressen. Vor ihm warteten nur noch Geister.

Und ein wenig von Ikti, Niors Sohn. Diese Szene spielt während derselben Zeit wie der Band "Hornstachler"

Flirrende Hitze lag über der Ebene. Den Schamanen kümmerte es nicht. Seiner fast zu dunkelbraunem Leder verbrannten Haut machte die Sonne schon lange nichts mehr aus. Lediglich die Narben an seiner linken Seite reagierten manchmal noch. Andenken eines vergangenen Lebens. Der Schamane sortierte seine Ausbeute mit flinken Fingern. Zwei Handvoll fiebersenkende Mura-Beeren, ein Büschel Sindarre Wurzeln, gut gegen den Durchfall kleiner Kinder, und ein paar Pflanzen, die eher symbolischen Wert hatten, aber aufgrund ihrer Gestalt immer mächtig Eindruck machten. Klappern gehörte nun mal zu seinem Handwerk.
So, das war geschafft. Die Beeren steckten in einem grobmaschigen Säckchen, und der Rest war zu sauberen kleinen Büscheln geschnürt. Bedächtig hängte der Schamane seine Kräuter an die Trockenstange. Bei der Hitze, die im Moment herrschte, würden die Kräuter bereits heute Abend ausreichend trocken sein.
Fröhliche Rufe erklangen. Um die Lippen des Schamanen spielte ein Lächeln. Die Jungen kehrten ins Lager zurück. Wie es schien, hatten sie ganz offensichtlich eine erfolgreiche Jagd gehabt. Er sah auf. Und zuckte zusammen. „Ikti!“
Ein drahtiger, gut zwölf Regenzeiten alter Junge löste sich aus der Gruppe und trottete zu ihm herüber.
„Zeig mir, was du erbeutet hast, Ikti!“
Der Junge hielt ihm den Vogel hin. Der Schamane sog scharf die Luft ein. Ein Königsfalke. Er hatte richtig gesehen.
„Ikti, diesen Vogel wirst du nicht essen. Gib ihn jemand anderem.“
„Warum nicht? Ich habe ihn erbeutet! Und Mutter wird sich freuen, wenn sie frisches Fleisch hat.“
Der Schamane seufzte. „Ikti, du bist ein Mehme. Du darfst keine Königsfalken essen.“
Der Junge schob bockig seine Unterlippe vor. „Du auch noch! Reicht das nicht, dass Mutter mir immer in den Ohren liegt mit diesem Mehme-Quatsch? Ich bin ein Krieger der Roten Zelte, verdammt, kein Karapakier! Und überhaupt, was hat das damit zu tun, ob ich einen Vogel esse oder nicht?“
Der Finger des Schamanen berührte die Nase des Jungen. Eine Nase, groß und krumm wie ein Falkenschnabel. „Deine Sippe, Ikti, stammt vom Königsfalken ab. Wenn du diesen Vogel isst, isst du deinen Verwandten. Willst du das wirklich?“
Einen Moment wurde der Junge blass. „Aber … das ist ein Vogel. Wie kann ein Vogel verwandt sein mit einem Menschen?“
„Ich bin ein Zauberer“, gab der Schamane zurück. „Wie kann ein Mensch ein Zauberer sein?“
Der Junge starrte ihn nur an. 
„Zauberer werden nur die, deren Blut nicht vollständig menschlich ist“, sagte der Schamane.
Jetzt wurde der Junge wirklich gründlich blass. „Aber … heißt das dann …ich bin ein Zauberer … ich bin kein richtiger Mensch?“
„Dummkopf“, schalt der Schamane und gab ihm einen Klaps auf den Kopf. „Du bist natürlich ein richtiger Mensch. Das heißt nur, dass aus dir vielleicht ein Zauberer werden kann, wenn du willst. Das heißt, dass irgendwo in der langen Linie deiner Ahnen einmal ein Zauberer gewesen ist. Und dieser Zauberer, im Fall der Mehme-Sippe, hat offensichtlich seinerseits einen Ahnen unter den Königsfalken gehabt. Wie auch immer das passiert sein mag. Jedenfalls, ich an deiner Stelle würde keinen Königsfalken essen..“
Der Junge starrte auf das Corpus Delicti in seiner Hand. Dann hielt er es zögernd dem Schamanen hin. Doch der schüttelte mit dem Kopf. „Nein.“ Er deutete auf seine eigene Nase. „Ich habe das gleiche Problem wie du, was Falken betrifft. Gib den Vogel Taniki. Sie hat drei hungrige Kinder in ihrem Zelt.“
Der Junge senkte zögernd die Hand, nickte dann und stapfte in Richtung auf Tanikis Zelt davon.



Zuletzt noch eine kleine, sehr softe Szene von den Wellenhexen, die seinerzeit Jo in Vogelgestalt fast mit dem Fischernetz eingefangen haben. Auch die Wellenhexen haben teilweise nichtmenschliches Blut, genauso wie die Zauberer Karapaks. Nur, dass ihres aus dem Meer stammt.

In der Lagune

Taelan ließ sich im warmen Wasser der Lagune treiben. Sie beobachtete ihre Hand. Sechs dünne, schlanke Finger. In den feinen Häärchen schimmerten silbrige Luftbläschen. Langsam schloss sie die Hand, öffnete sie wieder. Es half nichts. Zwischen ihren Fingern wollte sich einfach keine Membran öffnen. Das war einfach unfair! Warum konnte sie keine Schwimmhäute haben, so wie ihre Freundin Kara? Sie war landgebunden, musste auf dem Trockenen leben, während Kara mit ihren Geschwistern, Vettern und Cousinen in der herrlich funkelnden Welt unter Wasser zu Hause war.
Etwas flog neben ihr aus dem Wasser und sprang in hohem Bogen über sie hinweg. Kara! Sofort tauchte Taelan nach unten ab. Kara umkreiste sie und zeigte lachend ihre spitzen Zähne. Taelan tauchte bis auf den Grund. Kara stöberte zwischen den Korallen nach etwas. Triumphierend zog sie eine dicke Muschelschale heraus, brach sie auf und hielt sie Taelan hin. Auf dem pulsierenden Fleisch der Muschel lag eine wundervoll ebenmäßige, seidig schimmernde schwarze Perle. Taelan nahm sie andächtig auf. Kara lachte wieder und schob sich mit einer schnellen Bewegung das Fleisch der Muschel zwischen die Zähne. 
Die Luft wurde ihr bereits knapp. Mit Bedauern schwamm Taelan zurück zur Oberfläche. Was wäre das doch schön, wenn sie auch Kiemen hätte, wie Kara! Kara hatte es gut, sie konnte an der Luft und unter Wasser atmen. Taelan schwamm zum Strand zurück. Als das Wasser nur noch knietief war, setzte sie sich auf. Karas Rückenflosse durchschnitt grünfunkelnd die Wellen. Kurze Zeit später kam auch Kara in das Flachwasser, einen silbrig schimmernden Riffbarsch in den Händen. Einträchtig verspeisten die beiden Freundinnen das leckere Fleisch.